Lungenkrankheiten

Pferde in Stallhaltung sind einer Vielzahl von Allergenen und Reizstoffen ausgesetzt, die in ihrer natürlichen Umgebung nicht vorkommen. An erster Stelle steht der Heustaub, welcher Schimmelpilzsporen und sogenannte Endotoxine (von Mikroorganismen produzierte Giftstoffe) enthält, die Allergien auslösen können. Solche Allergene und Reizstoffe sind für eine Reihe sehr verbreiteter, nicht ansteckender Lungenkrankheiten verantwortlich. Da ein klarer Zusammenhang mit der Stallhaltung besteht, handelt es sich gewissermassen um Zivilisationskrankheiten. Mehr als die Hälfte der Schweizer Sport- und Freizeitpferde ist davon betroffen.

Die schweren Formen dieser Krankheiten zeichnen sich durch krampfartige Verengungen der Atemwege, Entzündungen und erhöhte Schleimproduktion aus. Sie schränken die Lebensqualität und Leistungsfähigkeit der Tiere stark ein. Eine eingehende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Lungengesundheit des Pferdes ist deshalb nicht nur akademisch relevant, sondern stellt eine Pflicht unseren Tieren gegenüber dar.

Unsere Forschung im Bereich der Lungenkrankheiten beschäftigt sich mit verbesserten Diagnose-, Therapie- und Präventionsmethoden. Dabei arbeiten wir eng mit nationalen und internationalen Partnern zusammen. Das Hauptprojekt beschäftigt sich mit der Erforschung des genetischen Hintergrunds der rezidivierenden Atemwegsobstruktion (RAO), der wichtigsten stallhaltungsbedingten Lungenkrankheit. Übergeordnetes Ziel dieser Forschung ist es, nachhaltig die Lebensqualität unserer Pferde zu verbessern.

Genetik der RAO

Die RAO, früher auch als COB, COPD oder „Dämpfigkeit“ bekannt, ist eine komplexe, durch genetische und Umweltfaktoren bedingte Erkrankung, die viele Gemeinsamkeiten mit dem humanen Asthma aufweist. Der Hauptgrund für diese Atemwegserkrankungen besteht in den Haltungsbedingungen, welchen das Pferd nicht natürlicherweise angepasst ist: Die Pferde verbringen oft einen Grossteil ihrer Zeit im Stall und sind dort verschiedenen reizenden und allergenen Stoffen aus dem Heu und Strohstaub ausgesetzt. Empfindliche und vor allem erblich belastete Tiere entwickeln dann oft RAO.

Vorgängige Warnzeichen, wie vereinzeltes Husten, werden von den Besitzern oft unterschätzt. So kann es soweit kommen, dass ein Pferd, welches einst eine Spitzenleistung erbrachte, mit der Zeit in der Leistung nachlässt, immer öfters hustet, Nasenausfluss zeigt und schlussendlich schon in Ruhe eine pumpende Atmung und Atemnot entwickelt. Um die dauerhafte Gesundung des Pferdes zu sichern, muss das Heu durch andere Raufuttermittel ersetzt werden. Gegebenenfalls muss auch eine spezielle allergenarme Einstreu verwendet werden und das Pferd sollte so viel Zeit wie möglich an der frischen Luft verbringen.

Nachkommen von betroffenen Elterntieren haben ein erhöhtes Krankheitsrisiko

Schon vor fast hundert Jahren wurde beobachtet, dass gewisse Hengste und Stuten die Krankheit vererben. Mit Hilfe modernster genetischer Methoden wird nun am ISME der erbliche Hintergrund dieser Lungenerkrankung untersucht. Übergeordnetes Ziel dieser Forschung ist es, durch frühzeitige Erkennung und Vermeidung risikoreicher Paarungen nachhaltig die Lebensqualität der Tiere zu verbessern. Im Rahmen dieser Projekte wurden zwei Hengste identifiziert, welche an RAO leiden. Die Nachkommen dieser Hengste wurden ausfindig gemacht und untersucht sowie die Besitzer anhand eines standardisierten Fragebogens befragt. Aus Blutproben der Nachkommen wurde DNA isoliert. Dabei zeigte sich: Die Nachkommen der erkrankten Tiere haben ein ungefähr 5-fach höheres Risiko selbst an RAO zu erkranken, als andere Pferde.

Zwei Chromosomenregionen identifiziert – Verbindung mit Hautallergien und Abwehr gegen Darmparasiten

Da das gesamte Erbgut des Pferdes entschlüsselt wurde, konnten mit einem so genannten «Gesamt-Genom-Scan» zwei Chromosomenabschnitte identifiziert werden, die stark mit RAO in Verbindung gebracht werden können. Wichtige Gene in diesen Chromosomenregionen werden weiter untersucht. Eines dieser „Kandidatengene“ hat beim Menschen und anderen Tierarten allgemein mit Allergien und auch mit der Abwehr gegen Parasiten zu tun. Auch beim Pferd konnten wir in unseren Untersuchungen eine Verbindung der RAO mit einem vermehrten Auftreten von Hautallergien (Sommerekzem, Nesselfieber) und einer verminderten Ausscheidung von Parasiteneiern zeigen.

Weitere Untersuchungen, die bereits im Gang sind, sollen anhand von noch grösseren Zahlen von Pferden und unter Einsatz der neuen Genchip Technologie zeigen, wie die Gene die Resistenz gegen Parasiten und die Anfälligkeit für Allergien regulieren. Wegen der vielen Parallelen zum Asthma und anderen Allergien des Menschen, aber auch zu parasitären Krankheiten in Entwicklungsländern, stösst diese Forschung nicht nur in der Tiermedizin auf Interesse.